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17.07.2010

 

 

 


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Suizidgefährdete Patienten

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Suizidgefährdete Patienten



Über 11.000 Menschen nehmen sich in Deutschland jährlich das Leben. Damit sterben mehr Menschen durch Selbstmord als durch Verkehrsunfälle, illegale Drogen, Aids und Gewalttaten zusammen.



Die Zahlen, die Prof. Dr. Armin Schmidtke von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) (www.suizidprophylaxe.de) nennt, sind erschreckend. Nimmt man die Suizidversuche hinzu, liegen sie noch um ein Zehnfaches höher. Dabei ist dieses besonders dramatische und trügerisch als „Freitod“ benannte Sterben kein isoliertes Problem des Betroffenen. Nach Studien der WHO sind von jedem Suizid- und Suizidversuch mindestens sechs weitere Menschen direkt oder indirekt psychosozial betroffen.

Suizidales Verhalten von Angehörigen führt oft zu depressiven Reaktionen, Arbeitsunfähigkeit und manchmal auch zu einem weiteren Suizid. Selbstmord ist ein großes gesellschaftliches und gesundheitspolitisches Problem - nicht nur wegen des Leids, auch wegen der erheblichen Gesundheitskosten.

Wie lassen sich Suizide und Suizidversuche verhindern? Sicher gibt es da zunächst viele Ansatzpunkte außerhalb der ärztlichen Praxis: Prof. Schmidtke rät u.a.zu verstärkten Kontrollen an Brücken und Bahnabschnitten, an so genannten „Hot Spots“, die häufig für die Selbsttötung benutzt werden. An solchen Stellen ereignen sich über 80 Prozent der jährlich 1.000 Suizide an Bahnstrecken. Ein zweiter wichtiger Schritt ist nach Schmitdke die verstärkte Öffentlichkeitsaufklärung für vermehrte Gesprächsbereitschaft und Früherkennung. Er betont jedoch auch die fundamentale Rolle der Hausärzte. Sie haben den direkten Kontakt zu den Patienten und sind oft deren letzte Anlaufstelle.

Warnsignale erkennen
Die Erkennung und Verhütung von Suiziden ist, entgegen einer weitläufigen Annahme, keine Domäne der Psychiatrie. Allerdings werden Ärzte mit der Problematik in unterschiedlichen Stadien konfrontiert. Während Kliniker suizidale Patienten in der Regel nach einem aktuellen Selbstmordversuch erleben, wird der Hausarzt mit den Betroffenen überwiegend in der präsuizidalen Phase konfrontiert.

Nach einer Schweizer Studie waren 92 Prozent aller Suizidversucher und 86 Prozent aller Suizidvollender in dem halben Jahr vor ihrer Tat in ärztlicher Behandlung (Professor Dr. Linus Geisler, Arzt und Patient - Begegnung im Gespräch). Davon rund die Hälfte regelmäßig und die meisten beim Hausarzt. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen (Ärzte Woche Nr. 47, 2005). Meistens kannten sich Arzt und Patient über Jahre. Dennoch war mehr als ein Drittel der Ärzte von der Suizidhandlung „überrascht".

Tatsächlich gehört die Früherkennung der Suizidgefahr zu den schwierigsten und verantwortungsvollsten Aufgaben des Arztes. Schwierig auch deshalb, weil „Selbstmörder“ zu den eher unbequemen Patienten gehören. Kaum einer setzt sich gerne mit dem Thema „Tod“ auseinander, schon gar nicht mit dem „Freitod“. Gründe dafür gibt es viele: Defizite in der ärztlichen Ausbildung und damit Unsicherheit in der Führung solcher Patienten, persönliche Hemmschwellen oder die Angst vor der Verantwortung.

Doch die „Vogel-Strauß-Mentalität", die stille Hoffnung, dass der Patient es nicht ernst meint, oder dass das Gefühl für die Gefahr trügt, kann hier fatale Folgen haben. Kaum ein suizidgefährdeter Patient spricht das Thema beim Arzt von sich aus offen an. Vor allem ältere Menschen haben gelernt, im Stillen zu leiden und Schwächen zu verbergen. Von Ihnen darf man noch weniger als von Jüngeren erwarten, dass sie suizidale Absichten offen von sich aus ansprechen.

Die Aufgabe des behandelnden Arztes ist es, rechtzeitig Warnsignale zu erkennen und Hilfe anzubieten, und wenn dies seine Kräfte und Kompetenzen übersteigt, Hilfe zu vermitteln (siehe Interview Dr. Althaus). Dabei gibt es bis heute kein Verfahren, das Suizidrisiko eines Patienten objektiv zu erfassen. Die Kenntnis der Risikogruppen, der suizidalen Entwicklung und des Präsuizidalen Syndroms (s.u.) geben aber dem Arzt im Zusammenhang mit der Vorgeschichte des Patienten (z.B. unbewältigte Lebenskrisen) und der Befindlichkeit (fast immer tritt eine depressive Befindlichkeit als Leitsymptom auf) genug Anhaltspunkte, um beim Zusammentreffen entsprechend relevanter Faktoren hellhörig zu werden.

Besondere Aufmerksamkeit bei Risikogruppen
Eine Suizidgefährdung ist grundsätzlich bei jedem Menschen möglich. Dennoch gibt es ein statistisch erhöhtes Risiko in bestimmten Bevölkerungsgruppen, bei gewissen Grunderkrankungen und in bestimmten sozialen Spannungsfeldern.

So sind drei Viertel der bundesweiten Opfer Männer. Und mit dem Alter, vor allem jenseits der 60, nimmt die Suizidgefahr für beide Geschlechter dramatisch zu. Gescheiterte Suizidversuche (Parasuizide) häufen sich dagegen in der jüngeren Bevölkerung, vornehmlich bei Frauen zwischen 15 und 30 Jahren.

Statistisch gelten als besonders gefährdet:

Menschen mit affektiven Psychosen, vor allem Depressionen, seltener manische Spitzen. Affektive Störungen sollen bei etwa 60 Prozent aller Suizide registrierbar sein. Dieser Anteil liegt beim Parasuizid (ohne Todesfolge) deutlich niedriger.
Chronisch Kranke, vor allem mit chronischen Schmerzen ohne Heilaussichten
Alkoholabhängige und Rauschdrogenabhängige (unter den Alkohol- und Drogentoten finden sich immer auch verdeckte Suizide)
Schizophrene (besonders junge Männer mit hohem Bildungsstand)
Menschen mit Persönlichkeitsstörungen (z.B. emotional instabil)
Menschen in Haft, besonders in der ersten Zeit (U-Haft)
Generelle Risikohinweise sind Suiziddrohungen und vorangegangene Suizidversuche. Fast die Hälfte aller Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben, versuchen es irgendwann erneut (WHO-Studie). Den höchsten Prozentsatz wiederholter Versuche gibt es unter schizophrenen Psychosen.

So genannte „soziale Variablen“ können das Risiko eines Suizids ebenfalls erhöhen. Dazu gehören:

helfende Berufe (nicht zuletzt Ärzte!)
soziale Instabilität (Geschiedene, Alleinlebende, vereinsamte alte Menschen, vor allem Männer)
der Wechsel der gewohnten Lebenssituation
Arbeitslosigkeit und Armut
Entwicklungsphasen der Suizidalität
Jeder Suizidhandlung geht eine suizidale Entwicklung im Erleben und Verhalten voraus. Diese gliedert sich nach Pöldinger (1968) in drei Phasen. Prof. Dr. Paul Götze (siehe Interview) vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS) am Klinikum Hamburg Eppendorf, hat diese 1988 auf fünf erweitert, um dem Geschehen detaillierter Rechnung zu tragen:

Stadium 1: Der Suizid wird als Mittel zur Lösung von Lebensproblemen erwogen (Krisenbewältigung).
Stadium 2: Ambivalenz zwischen lebenserhaltenden und lebensvernichtenden Kräften.
Stadium 3: Entschluss zum Suizid.
Stadium 4: Präsuizidale Pause
Stadium 5: Durchführung des Suizids

Stadium 1kann eine durch äußere und innere Faktoren hervorgerufene Lebenskrise sein, die der Patient zu diesem Zeitpunkt nicht bewältigt. Der Suizid wird als Auswegmöglichkeit erwogen. Dieses Stadium der „latenten Suizidalität“ wird von der Umwelt meistens nicht ausreichend wahrgenommen.

Im Stadium 2 lebt der Patient ambivalent zwischen lebenserhaltenden und lebensvernichtenden Kräften, was er der Umwelt auch direkt oder indirekt mitteilt. Es kommt zu Suizidsignalen, -drohungen und parasuizidalen Gesten, die als Hilfeschrei zu bewerten sind. In diesem Stadium, betont Götze, ist immer bereits von einer akuten Suizidalität zu sprechen.

Im Stadium 3 ist der innere Kampf zwischen lebenserhaltenden und lebensvernichtenden Kräften erloschen. Er weicht der „Ruhe vor dem Sturm“. Der Patient hat sich zum Suizid als Ausweg entschieden.

Die „präsuizidale Pause" (Stadium 4) ist besonders kritisch, da sie schnell fehlgedeutet wird. Die getroffene Entscheidung ermöglicht dem Patienten vorübergehend klares Denken, Empfinden und Handeln. Nicht selten hat es den Anschein, als wenn es in den Beziehungen wieder zu intensiveren Kontakten kommt, manchmal geradezu mit Euphorie und zukunftsorientierten Äußerungen. Es handelt sich aber wohl eher um eine Art intuitives Ablenkungsmanöver, aus Angst, die Umwelt könnte sonst die getroffene Entscheidung zum Suizid in Frage stellen oder die Tat verhindern.

Die präsuizidale Pause schafft die Voraussetzungen für gezieltes suizidales Handeln (Stadium 5) und im Rückblick oft das trügerische Bild eines kühl bilanzierten Suizids.

Das präsuizidale Syndrom
Das so genannte „präsuizidale Syndrom" läßt sich durch drei Leitsymptome kennzeichnen und ist nach Götze am ehesten im 2. Stadium der suizidalen Entwicklung zu diagnostizieren.

Einengung
Der Patient versucht Kränkungen, Schmerz, Enttäuschungen und Misserfolgen bevorzugt mit Vermeidung und Regression zu begegnen. Er tritt den inneren und äußere Rückzug an: Er zieht sich aus dem Sozialgefüge bis zur sozialen Isolation zurück. Apperzeption und Assoziation laufen starr und rigide ab. Die Verhaltensmuster sind wenig flexibel, die Reaktionen kaum modulations- und anpassungsfähig.

Aggressionsumkehr
Dem Wunsch, den Geschehnissen mit aggressiven Impulsen zu begegnen steht das streng rigide „Über-ich“ entgegen, das Schuldgefühle weckt und zur unbewussten Aggressionsumkehr führt.

Selbstmordphantasien
Die innere Spannung lässt immer häufiger passiv sich aufdrängende Suizidphantasien im Sinne einer Befreiung vom seelischen Druck zu.

Fragenkatalog zu Abschätzung des Risikos (nach Pöldinger, 1982)
Der Fragenkatalog Pöldingers soll dem Arzt als Leitfaden dienen, die wichtigsten Punkte in Bezug auf das Suizidrisiko abzuschätzen. Er ersetzt natürlich nicht das sensible Gespräch, dass diesem diagnostischen Anliegen als Basis dienen sollte!

JA
Haben Sie in letzter Zeit daran denken müssen, sich das Leben zu nehmen?
Häufig?
Haben Sie auch daran denken müssen, ohne es zu wollen?
Haben sich Selbstmordgedanken aufgedrängt?
Haben Sie konkrete Ideen, wie sie es machen wollen?
Haben Sie Vorbereitungen getroffen?
Haben Sie schon mit jemandem über Ihre Selbstmordabsichten gesprochen?
Haben Sie schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen?
Hat sich in Ihrer Familie oder in Ihrem Freundeskreis schon jemand das Leben genommen?
Halten Sie Ihre Situation für aussichts- oder hoffnungslos?
Fällt es Ihnen schwer, an etwas anderes als an Ihre Probleme zu denken?
Haben Sie in letzter Zeit wenig Kontakt zu Ihren Verwandten, Bekannten und Freunden?

NEIN
Haben Sie noch Interesse daran, was in Ihrem Beruf und in Ihrer Umgebung vorgeht?
Interessieren Sie noch Ihre Hobbys?
Haben Sie jemanden, mit dem Sie offen und vertraulich über Ihre Probleme sprechen können?
Wohnen Sie zusammen mit Familienangehörigen oder Bekannten?
Fühlen Sie sich unter starken familiären oder beruflichen Verpflichtungen stehend?
Fühlen Sie sich in einer religiösen bzw. weltanschaulichen Gemeinschaft verwurzelt?


 

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