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Strukturschwache
Gebiete
Das Problem ist lange bekannt, eine
Lösung nicht in Sicht: In strukturschwachen
Regionen Deutschlands fehlen Haus-
und Fachärzte, vor allem im Osten
des Landes. Häufig wird dafür
die Tatsache verantwortlich gemacht,
dass die Honorare der anstrengenden
Tätigkeit eines Landarztes nicht
gerecht werden schon gar nicht
im Osten, wo ein niedergelassener
Arzt nur etwa 80 Prozent dessen verdient,
was ein Kollege in den alten Bundesländern
erhält. Längst hat eine
Abwärtsspirale eingesetzt: Wo
immer weniger Ärzte bleiben,
wird die Arbeitsbelastung des einzelnen
noch größer und die Bedingungen
für eine Niederlassung oder Praxisübernahme
immer weniger attraktiv. Die Kassenärztlichen
Vereinigungen steuern dieser Entwicklung
mit verschiedenen Maßnahmen
gegen.
"Grotesk ist es, wenn die Mediziner-Lobby
neuerdings vor einem Ärztemangel
warnt", heißt es in der
Titelgeschichte des SPIEGEL vom 3.
Juli 2006: Gebe es doch in Deutschland
- gemessen an der Bevölkerung
- 40 Prozent mehr Mediziner als in
den USA. Und 90 Prozent der Regionen
in Deutschland seien mit Fachärzten
überversorgt.
Davon
haben die Patienten in den restlichen
10 Prozent der Gebiete allerdings
wenig. Wer in Guben von einem Augenarzt
oder im Umland von Marburg von einem
niedergelassenen Frauenarzt untersucht
werden möchte, muss sich zumindest
auf lange Wartezeiten einstellen.
Altersstruktur
trägt zur Verschärfung des
Problems bei
Noch gravierender ist die Situation
der hausärztlichen Versorgung
in vielen Gebieten: Während im
Bundesdurchschnitt 1548 Menschen von
einem Allgemeinmediziner versorgt
werden, sind es im Land Brandenburg
1687 Einwohner. "Im Landkreis
Teltow-Fleming muss ein Hausarzt sogar
1993 Menschen betreuen", beklagt
der Sprecher der Kassenärztlichen
Vereinigung (KV) Brandenburg, Ralf
Herre. Das Problem wird sich angesichts
der Altersstruktur der Hausärzte
in den neuen Bundesländern in
den nächsten Jahren noch verschärfen
(siehe Statistik Altersstruktur
der Hausärzte der Bundesärztekammer).
Die
Arbeitsgemeinschaft der KVen der neuen
Bundesländer rechnet damit, dass
bis 2010 - je nach Bundesland - zwischen
39 und 49 Prozent der Hausärzte
altersbedingt ihre Zulassung zurückgeben
werden. "Genügend Nachwuchs
ist nicht in Sicht", sagt deren
Sprecher, Dr. Hans-Joachim Helming.
Ein Problem, das nicht nur in den
neuen Bundesländern (siehe Nicht
nur im Osten) besteht, sondern
bereits jetzt auch in strukturschwachen
Regionen im Westen Deutschlands.
Das
zeigt, dass der Ärztemangel nicht
allein damit zu erklären ist,
dass die Honorare im Osten niedriger
sind als in den alten Bundesländern.
Viele Gründe treffen für
strukturschwache Regionen bundesweit
zu:
Niedergelassene
Ärzte haben dort durchschnittlich
ältere Patienten als in den Großstädten.
Das bringt längere Arbeitszeiten
und mehr Hausbesuche bei einem "ausgeprägten
Anspruchsverhalten" der Patienten
(siehe Interview) mit
sich, was nicht durch höhere
Honorare ausgeglichen wird.
Der Ärztemangel ist selbst ein
Grund dafür, dass die ärztliche
Tätigkeit weniger attraktiv ist:
Bereitschafts- und Notdienste fallen
häufiger an, Wege für Hausbesuche
sind weiter, Praxisvertretungen in
der Urlaubszeit sind schwierig zu
organisieren.
Diese Gründe tragen auch dazu
bei, dass sich nur wenige angehende
(Fach-)Ärzte in einer Praxis
in einer strukturschwachen Region
weiterbilden. Das erschwert es, potenzielle
Nachfolger an die Tätigkeit am
Ort heranzuführen.
Gebiete abseits der Ballungsräume
sind wenig attraktiv für junge
Ärzte - es mangelt häufig
an guten Schulen und attraktiven kulturellen
Angeboten.
Hilfsmaßnahmen
der Kven
Im Osten Deutschlands versuchen die
Kassenärztlichen Vereinigungen
deshalb mit einer Reihe von Maßnahmen,
dem bestehenden oder drohenden Ärztemangel
zu begegnen. Die Palette reicht von
Werbemaßnahmen in Polen und
Österreich über die Einrichtung
einer Stiftungsprofessur für
Allgemeinmedizin an der Universität
Rostock (jeweils KV Mecklenburg-Vorpommern)
bis hin zu einer "Eigeneinrichtung"
(siehe Eigeneinrichtung der
KV in Thüringen), in der
die KV Thüringen selbst eine
Ärztin anstellt. Am häufigsten
aber werden den Ärzten im Rahmen
von Sicherstellungsstatuten
teilweise unterstützt durch die
Kassen - finanzielle Anreize geboten,
sich in Gebieten niederzulassen, für
die eine (drohende) Unterversorgung
festgestellt wurde:
In
Brandenburg gewährt die KV in
diesen Gebieten auf Grund von Einzelfallentscheidungen
8 Quartale lang eine Umsatzgarantie
von zwei Dritteln des Fachgruppendurchschnitts.
Der Arzt muss sich im Gegenzug verpflichten,
die Praxis fünf Jahre lang zu
betreiben. Für die KV eine finanzielle
Gratwanderung: "Wir finanzieren
das aus unserem eigenen Budget, das
ohnehin zu gering ist", so der
Sprecher der KV Brandenburg, Ralf
Herre.
Auch die KV Mecklenburg-Vorpommern
gewährt bei einer Niederlassung
in einer unterversorgten Region eine
Umsatzgarantie von bis zu 40.000 €
pro Quartal sowie einen Investitionszuschuss
bis zu 25.000 €.
Im Bereich Torgau-Oschatz in Sachsen
wird die Übernahme eines Hausarztsitzes
mit einer Investitionspauschale bis
zu 60.000 € und die Neugründung
mit bis zu 30.000 €, verteilt
auf fünf Jahre, gefördert,
sofern der neu niedergelassene Arzt
80 Prozent der durchschnittlichen
Fallzahl erreicht (bei einer Neugründung
im ersten Jahr 50 Prozent). So will
die KV vermeiden, dass "Trittbrettfahrer"
von dem Angebot Gebrauch machen, die
in Wahrheit nicht an einer engagierten
Hausarzttätigkeit interessiert
sind.
In Sachsen-Anhalt erhält ein
Arzt, der eine Praxis in einem unterversorgten
Gebiet übernimmt, eine Investitionshilfe
von 15.000 € (siehe Interview).
Die gleiche Summe erhält ein
Arzt, der bis zum Alter von 68 Jahren
praktiziert. In Einzelfällen
kann auch eine Umsatzgarantie gewährt
werden, die sich am Durchschnitt der
Fachgruppe orientiert. In Sachsen
und Sachsen-Anhalt beteiligen sich
die Krankenkassen an diesen Fördermaßnahmen.
Kontroverse
Einschätzungen
Wie gut diese Maßnahmen greifen,
darüber schweigen sich die Vertreter
der KVen weitgehend aus. Der
Erfolg ist unterschiedlich,
heißt es salomonisch in Magdeburg,
und auch die KV Sachsen nennt auf
Anfrage keine konkreten Zahlen. Die
Süddeutsche Zeitung berichtete
am 26. Juni 2006, dass in Sachsen
mittlerweile fünf Praxen auf
Grund der Förderung eröffnet
hätten während Jahr
für Jahr 500 bis 600 Praxen geschlossen
würden. In Brandenburg haben
bisher 13 Ärzte von der Förderung
Gebrauch gemacht, zwei davon hatten
aber alles andere als eine hausärztliche
Versorgung im Sinn und haben den Vertrag
inzwischen wieder gelöst,
sagt KV-Sprecher Ralf Herre. Es bleibt
also eine Sisyphus-Aufgabe für
die Ost-KVen, die Versorgung trotz
des Ärztemangels sicherzustellen.
Ob sie durch die jüngst vom Bundeskabinett
beschlossenen Änderungen im Vertragsrecht
für Ärzte (siehe Politische
Maßnahmen) erleichtert
wird, bleibt abzuwarten.
Einstweilen
eröffnen in den strukturschwachen
Regionen immer mehr Medizinische Versorgungszentren
(MVZ). Der Vorsitzende der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas
Köhler, zeigt sich in einem Interview
mit dem Ärzteblatt überzeugt
davon, dass dadurch eine andere
Form von Lebensqualität
für Ärzte geschaffen werde.
Etwas anders sieht das der Vorsitzende
des Ausschusses Ambulante Versorgung
der Bundesärztekammer, Dr. Franz
Gadomski, der in einem Interview gesagt
hat: Die wohnortnahe Versorgung
in ländlichen Gebieten wird durch
MVZ nicht sichergestellt werden können.
(...) Einen nachhaltigen positiven
Einfluss auf die Entwicklung der Arztzahlen
sehe ich nur dann, wenn der Arztberuf
endlich wieder attraktiv gemacht wird.
Kontrovers
wird auch ein Vorschlag des AOK-Bundesverbands
gegen den Ärztemangel diskutiert:
Junge Mediziner sollten doch ein Pflichtjahr
in der Provinz des Ostens absolvieren,
so der Denkanstoß
des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden,
Johann Magnus von Stackelberg. Ärzte
sind keine Krankenkassen-Angestellten,
die man irgendwohin delegieren kann,
sagt dazu der Sprecher der KBV, Roland
Stahl, im Berliner Tagesspiegel vom
7. Oktober 2005.

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