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17.07.2010

 

 

 


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Strukturschwache Gebiete

 

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Strukturschwache Gebiete



Das Problem ist lange bekannt, eine Lösung nicht in Sicht: In strukturschwachen Regionen Deutschlands fehlen Haus- und Fachärzte, vor allem im Osten des Landes. Häufig wird dafür die Tatsache verantwortlich gemacht, dass die Honorare der anstrengenden Tätigkeit eines Landarztes nicht gerecht werden – schon gar nicht im Osten, wo ein niedergelassener Arzt nur etwa 80 Prozent dessen verdient, was ein Kollege in den alten Bundesländern erhält. Längst hat eine Abwärtsspirale eingesetzt: Wo immer weniger Ärzte bleiben, wird die Arbeitsbelastung des einzelnen noch größer und die Bedingungen für eine Niederlassung oder Praxisübernahme immer weniger attraktiv. Die Kassenärztlichen Vereinigungen steuern dieser Entwicklung mit verschiedenen Maßnahmen gegen.



"Grotesk ist es, wenn die Mediziner-Lobby neuerdings vor einem Ärztemangel warnt", heißt es in der Titelgeschichte des SPIEGEL vom 3. Juli 2006: Gebe es doch in Deutschland - gemessen an der Bevölkerung - 40 Prozent mehr Mediziner als in den USA. Und 90 Prozent der Regionen in Deutschland seien mit Fachärzten überversorgt.

Davon haben die Patienten in den restlichen 10 Prozent der Gebiete allerdings wenig. Wer in Guben von einem Augenarzt oder im Umland von Marburg von einem niedergelassenen Frauenarzt untersucht werden möchte, muss sich zumindest auf lange Wartezeiten einstellen.

Altersstruktur trägt zur Verschärfung des Problems bei
Noch gravierender ist die Situation der hausärztlichen Versorgung in vielen Gebieten: Während im Bundesdurchschnitt 1548 Menschen von einem Allgemeinmediziner versorgt werden, sind es im Land Brandenburg 1687 Einwohner. "Im Landkreis Teltow-Fleming muss ein Hausarzt sogar 1993 Menschen betreuen", beklagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg, Ralf Herre. Das Problem wird sich angesichts der Altersstruktur der Hausärzte in den neuen Bundesländern in den nächsten Jahren noch verschärfen (siehe Statistik „Altersstruktur der Hausärzte“ der Bundesärztekammer).

Die Arbeitsgemeinschaft der KVen der neuen Bundesländer rechnet damit, dass bis 2010 - je nach Bundesland - zwischen 39 und 49 Prozent der Hausärzte altersbedingt ihre Zulassung zurückgeben werden. "Genügend Nachwuchs ist nicht in Sicht", sagt deren Sprecher, Dr. Hans-Joachim Helming. Ein Problem, das nicht nur in den neuen Bundesländern (siehe „Nicht nur im Osten“) besteht, sondern bereits jetzt auch in strukturschwachen Regionen im Westen Deutschlands.

Das zeigt, dass der Ärztemangel nicht allein damit zu erklären ist, dass die Honorare im Osten niedriger sind als in den alten Bundesländern. Viele Gründe treffen für strukturschwache Regionen bundesweit zu:

Niedergelassene Ärzte haben dort durchschnittlich ältere Patienten als in den Großstädten. Das bringt längere Arbeitszeiten und mehr Hausbesuche bei einem "ausgeprägten Anspruchsverhalten" der Patienten (siehe „Interview“) mit sich, was nicht durch höhere Honorare ausgeglichen wird.
Der Ärztemangel ist selbst ein Grund dafür, dass die ärztliche Tätigkeit weniger attraktiv ist: Bereitschafts- und Notdienste fallen häufiger an, Wege für Hausbesuche sind weiter, Praxisvertretungen in der Urlaubszeit sind schwierig zu organisieren.
Diese Gründe tragen auch dazu bei, dass sich nur wenige angehende (Fach-)Ärzte in einer Praxis in einer strukturschwachen Region weiterbilden. Das erschwert es, potenzielle Nachfolger an die Tätigkeit am Ort heranzuführen.
Gebiete abseits der Ballungsräume sind wenig attraktiv für junge Ärzte - es mangelt häufig an guten Schulen und attraktiven kulturellen Angeboten.

Hilfsmaßnahmen der Kven
Im Osten Deutschlands versuchen die Kassenärztlichen Vereinigungen deshalb mit einer Reihe von Maßnahmen, dem bestehenden oder drohenden Ärztemangel zu begegnen. Die Palette reicht von Werbemaßnahmen in Polen und Österreich über die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Allgemeinmedizin an der Universität Rostock (jeweils KV Mecklenburg-Vorpommern) bis hin zu einer "Eigeneinrichtung" (siehe „Eigeneinrichtung der KV in Thüringen“), in der die KV Thüringen selbst eine Ärztin anstellt. Am häufigsten aber werden den Ärzten im Rahmen von Sicherstellungsstatuten – teilweise unterstützt durch die Kassen - finanzielle Anreize geboten, sich in Gebieten niederzulassen, für die eine (drohende) Unterversorgung festgestellt wurde:

In Brandenburg gewährt die KV in diesen Gebieten auf Grund von Einzelfallentscheidungen 8 Quartale lang eine Umsatzgarantie von zwei Dritteln des Fachgruppendurchschnitts. Der Arzt muss sich im Gegenzug verpflichten, die Praxis fünf Jahre lang zu betreiben. Für die KV eine finanzielle Gratwanderung: "Wir finanzieren das aus unserem eigenen Budget, das ohnehin zu gering ist", so der Sprecher der KV Brandenburg, Ralf Herre.
Auch die KV Mecklenburg-Vorpommern gewährt bei einer Niederlassung in einer unterversorgten Region eine Umsatzgarantie von bis zu 40.000 € pro Quartal sowie einen Investitionszuschuss bis zu 25.000 €.
Im Bereich Torgau-Oschatz in Sachsen wird die Übernahme eines Hausarztsitzes mit einer Investitionspauschale bis zu 60.000 € und die Neugründung mit bis zu 30.000 €, verteilt auf fünf Jahre, gefördert, sofern der neu niedergelassene Arzt 80 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl erreicht (bei einer Neugründung im ersten Jahr 50 Prozent). So will die KV vermeiden, dass "Trittbrettfahrer" von dem Angebot Gebrauch machen, die in Wahrheit nicht an einer engagierten Hausarzttätigkeit interessiert sind.
In Sachsen-Anhalt erhält ein Arzt, der eine Praxis in einem unterversorgten Gebiet übernimmt, eine Investitionshilfe von 15.000 € (siehe „Interview“). Die gleiche Summe erhält ein Arzt, der bis zum Alter von 68 Jahren praktiziert. In Einzelfällen kann auch eine Umsatzgarantie gewährt werden, die sich am Durchschnitt der Fachgruppe orientiert. In Sachsen und Sachsen-Anhalt beteiligen sich die Krankenkassen an diesen Fördermaßnahmen.

Kontroverse Einschätzungen
Wie gut diese Maßnahmen greifen, darüber schweigen sich die Vertreter der KVen weitgehend aus. „Der Erfolg ist unterschiedlich“, heißt es salomonisch in Magdeburg, und auch die KV Sachsen nennt auf Anfrage keine konkreten Zahlen. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 26. Juni 2006, dass in Sachsen mittlerweile fünf Praxen auf Grund der Förderung eröffnet hätten – während Jahr für Jahr 500 bis 600 Praxen geschlossen würden. In Brandenburg haben bisher 13 Ärzte von der Förderung Gebrauch gemacht, zwei davon hatten aber „alles andere als eine hausärztliche Versorgung im Sinn und haben den Vertrag inzwischen wieder gelöst“, sagt KV-Sprecher Ralf Herre. Es bleibt also eine Sisyphus-Aufgabe für die Ost-KVen, die Versorgung trotz des Ärztemangels sicherzustellen. Ob sie durch die jüngst vom Bundeskabinett beschlossenen Änderungen im Vertragsrecht für Ärzte (siehe „Politische Maßnahmen“) erleichtert wird, bleibt abzuwarten.

Einstweilen eröffnen in den strukturschwachen Regionen immer mehr Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Köhler, zeigt sich in einem Interview mit dem Ärzteblatt überzeugt davon, dass dadurch „eine andere Form von Lebensqualität“ für Ärzte geschaffen werde. Etwas anders sieht das der Vorsitzende des Ausschusses „Ambulante Versorgung“ der Bundesärztekammer, Dr. Franz Gadomski, der in einem Interview gesagt hat: „Die wohnortnahe Versorgung in ländlichen Gebieten wird durch MVZ nicht sichergestellt werden können. (...) Einen nachhaltigen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Arztzahlen sehe ich nur dann, wenn der Arztberuf endlich wieder attraktiv gemacht wird.“

Kontrovers wird auch ein Vorschlag des AOK-Bundesverbands gegen den Ärztemangel diskutiert: Junge Mediziner sollten doch ein Pflichtjahr in der Provinz des Ostens absolvieren, so der „Denkanstoß“ des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden, Johann Magnus von Stackelberg. „Ärzte sind keine Krankenkassen-Angestellten, die man irgendwohin delegieren kann“, sagt dazu der Sprecher der KBV, Roland Stahl, im Berliner Tagesspiegel vom 7. Oktober 2005.



 

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