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17.07.2010

 

 

 


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Somatoforme Störungen: Im Niemandsland zwischen Leib und Seele

 

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Somatoforme Störungen: Im Niemandsland zwischen Leib und Seele


Etwa jeder fünfte Arztbesuch steht in Zusammenhang mit so genannten funktionellen körperlichen Beschwerden bzw. somatoformen Störungen. Eine Crux für den Patienten wie für den Arzt, der damit konfrontiert ist. Denn der Patient leidet, er hat Schmerzen - aber der Arzt findet keine organische Ursache für die geschilderten Beschwerden.



Die Palette an körperlichen Symptomen, die in Zusammenhang mit somatoformen Störungen genannt werden, ist sehr umfangreich. Das fängt an mit relativ harmlosen Beschwerden wie Blähungen, Unverträglichkeit bestimmter Speisen, Menstruationsbeschwerden oder Schwindelgefühlen, reicht dann über Magen-Darm-Beschwerden mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall bis hin zu starken Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen (vor allem Kopf, Schulter, Rücken, Brust). Es können auch bedrohlich erscheinende Symptome wie Sehstörungen, Bewusstlosigkeit oder nicht-epileptische Krampfanfälle vorliegen.

Somatoformen Störungen gemeinsam ist, dass die körperlichen Beschwerden weder durch eine organische Erkrankung noch durch eine Verletzung oder durch die Einnahme von Medikamenten bzw. anderen Substanzen erklärt werden können. Die Beschwerden sind jedoch nicht vorgetäuscht oder eingebildet – sie sind tatsächlich vorhanden und werden von den Patienten als äußerst unangenehm und beeinträchtigend im Berufsleben, in der Familie und in der Freizeitgestaltung erlebt.

Patienten mit somatoformen Störungen wenden sich meist zuerst an ihren Hausarzt, um die verspürten körperlichen Beschwerden, die sie als bedrohliche Anzeichen einer organischen Erkrankung ansehen, medizinisch abklären zu lassen. Findet der Hausarzt kein organisches Korrelat der geschilderten Beschwerden und vermutet seelische Belastungen, bekommt er vom Patienten nicht selten zu hören: „Aber Herr Doktor, ich bin doch nicht verrückt…“ Eine vorgeschlagene Überweisung zum Psychotherapeuten empfindet der Patient als Kränkung. Er sucht lieber andere, organzentrierte Spezialisten auf, die seine körperlichen Symptome in den Griff bekommen sollen, meist erfolglos.

So werden mit der Zeit viele überflüssige, teilweise auch schädliche Untersuchungen und Behandlungen vorgenommen, mit denen die Beschwerden nicht oder allenfalls nur kurzfristig beseitigt werden können. Viele Betroffene haben einen langen Leidensweg hinter sich, bevor sie zu einer eher Erfolg versprechenden psychotherapeutischen Behandlung überwiesen werden.

Diagnosekriterien in der Diskussion
Somatoforme Störungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Etwa jeder fünfte Arztbesuch ist auf unklare körperliche Beschwerden zurückzuführen, für die keine organische Ursache auszumachen ist. Meist handelt es sich um Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Brustschmerzen, Schwindelgefühle, Erschöpfungszustände oder Atemnot.

Unter dem Oberbegriff Somatoforme Störungen werden nach den Diagnosekriterien von DSM-IV jene Symptome geführt, die:

nicht vollständig durch einen bekannten medizinischen Krankheitsfaktor bzw. die Wirkung einer Substanz erklärbar sind,
über das hinausgehen, was laut Anamnese, Untersuchung und Labor zu erwarten wäre (falls die Symptome in Zusammenhang zu einem solchen Faktor stehen),
nicht auf einer vorgetäuschten Störung oder Simulation beruhen.
Im amerikanischen System DSM-IV werden zur näheren Charakterisierung einer Somatisierungsstörung 33 verschiedene Symptome aus den vier Bereichen Schmerz- und Gastrointestinale Symptome, Sexuelle und Pseudoneurologische Beschwerden genannt:

Schmerzsymptome:

Kopf- und Gesichtsschmerzen
Abdominale Schmerzen
Rückenschmerzen
Gelenkschmerzen
Schmerzen in den Extremitäten
Brustschmerzen
Schmerzen im Rektum
Schmerzhafte Menstruation
Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
Miktionsschmerzen
Gastrointestinale Symptome:

Übelkeit
Völlegefühl
Erbrechen (außer während der Schwangerschaft)
Durchfall
Unverträglichkeit von verschiedenen Speisen
Sexuelle Symptome:

Sexuelle Gleichgültigkeit
Erektions- oder Ejakulationsstörungen
Unregelmäßige Menstruation
Sehr starke menstruelle Blutungen
Erbrechen während der gesamten Schwangerschaft
Pseudoneurologische Symptome:

Koordinations- oder Gleichgewichtsstörungen
Lähmung oder Muskelschwäche
Schluckschwierigkeiten oder Kloßgefühl im Hals
Flüsterstimme (Aphonie)
Harnverhalt
Halluzinationen
Verlust der Berührungs- oder Schmerzempfindung
Sehen von Doppelbildern
Blindheit
Verlust des Hörvermögens
(Krampf-)Anfälle
Gedächtnisverlust
Bewusstlosigkeit (anders als einfacher Kollaps)
Das Vollbild einer Somatisierungsstörung (DSM-IV 300.81) besteht dann, wenn:

eine Vorgeschichte mit vielen körperlichen Beschwerden besteht, die vor dem 30. Lebensjahr begonnen haben, über mehrere Jahre hinweg aufgetreten sind und zum Aufsuchen einer Behandlung oder einer deutlichen Beeinträchtigung in wichtigen Funktionsbereichen geführt haben, und
mindestens je vier Schmerzsymptome, zwei gastrointestinale Symptome, ein sexuelles und eine pseudoneurologisches Symptom aus der Liste von 33 angegebenen Entitäten vorhanden sind.
Eine undifferenzierte somatoforme Störung (ebenfalls nach DSM-IV 300.81) liegt dann vor, wenn:

eine oder mehrere der in der Liste angegebenen 33 Beschwerden oder Symptome wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, gastrointestinale oder urologische Beschwerden vorhanden sind,
dadurch Leiden oder eine Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen Funktionsbereichen entstehen und
die Dauer der Beschwerden mindestens sechs Monate beträgt.
Über die Praktikabilität der Erfassung somatoformer Störungen mittels der amerikanischen DSM-IV-Skala ist viel gestritten worden. Deutsche Autoren haben eine Reihe weiterer Vorschläge gemacht, die teilweise Niederschlag in den AWMF-Leitlinien gefunden haben. Das Thema ist also mit den vorhandenen Kategorien nicht abgeschlossen, sondern bleibt im Fluss. Für den klinischen Umgang mit Patienten sind wertvolle praktikable Hinweise auf das Vorliegen einer somatoformen Störung gegeben worden (Möller et al., 2001). Für die Diagnostik sollten demnach vor allem beachtet werden:

„Typische“ Symptome und multiple Beschwerden in unterschiedlichen Organsystemen.
Eine affektiv wenig adäquate Schilderung der Beschwerden (wortreich, klagsam, pedantisch oder ohne wesentliche affektive Beteiligung).
Das zusätzliche Vorkommen „psychischer Randsymptome“ wie innere Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Erschöpfbarkeit, depressive Verstimmung, Angst oder Schlafstörungen.
Eine so genannte „Big Chart“ (eine lange Anamnese bzw. Krankengeschichte).
„Doctor-Hopping“ oder „Doctor-Shopping“ mit häufigem Arztwechsel.
Häufiger Symptom- und Syndromwandel.
Möglicherweise ähnliche Beschwerden bei nahen Bezugspersonen.
Auffällige Diskrepanz zwischen objektiven Befunden und subjektiven Beschwerden.
Das Fahnden nach zugrunde liegenden psychosozialen Ursachen somatoformer Störungen ist naturgemäß zeitaufwendig und erfordert ein hohes Maß an Frustrationstoleranz seitens des Arztes wie des Patienten. Ärzte, die keine klare organische Ursache für die Beschwerden eines Patienten finden können, sollten darauf achten, welche körperlichen und seelischen Beschwerden diesen insgesamt plagen. Die drei häufigsten Erkrankungen dieser Art sind der Reizdarm, das chronische Müdigkeitssyndrom und die Fibromyalgie. Hinzu kommen bei Frauen chronische Unterbauchschmerzen unklarer Genese.

Erste Anlaufstelle für Patienten mit somatoformen Störungen:

Hausärzte und Internisten
Für Patienten mit somatoformen Störungen sind allgemeinmedizinische und internistische Praxen traditionell die erste Anlaufstelle. Die Interaktion zwischen diesen Patienten und den Ärzten in den Praxen ist meist spannungsgeladen und konfliktträchtig. Von den Ärzten wird diese Patientengruppe als schwierig, anspruchsvoll, fordernd und notorisch unzufrieden beschrieben. Die Patienten sind in der Tat oft mit ihren Ärzten nicht zufrieden und reagieren mit Arztwechsel („Doctor-Hopping“ oder „Doctor-Shopping“), weil sie sich unverstanden oder schlecht behandelt fühlen.

Schwierig ist die Arzt-Patient-Interaktion aufgrund vieler Probleme, die Dr. med. Dipl. psych. Ulrich Cuntz, Chefarzt an der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck (Prien am Chiemsee) 1997 auf dem „1. Internationalen Symposium über Somatoforme Störungen“ so zusammengefasst hat:

In der Regel leidet der Patient so sehr unter seinen körperlichen Beschwerden, dass emotionale Probleme, situativer Hindergrund und häufig vorhandenes Krankheitsverhalten kaum thematisiert werden können.
Die Diagnose einer somatoformen Störung erfordert den Ausschluss organischer Diagnosen. In Anbetracht der meist hohen Zahl möglicher Differentialdiagnosen besteht die erhebliche Gefahr eines ständigen Verbleibens in der Diagnostikphase und einer daraus resultierenden dauerhaften Verunsicherung des Patienten.
Da somatoforme Störungen häufig sind, treten sie auch in Kombination mit körperlichen Auffälligkeiten auf, die dann im Sinne von Pseudodiagnosen als Erklärung für die Beschwerden herangezogen werden (z.B. Gastritis, Candidabefall des Darmes, Divertikulose etc.).
Kompetenz und Handlungsfähigkeit des Arztes werden eingeschränkt, sobald er keine organischen Diagnosen findet, die ihm das therapeutische Vorgehen vorgeben.
Die wissenschaftliche Diskussion funktioneller Störungen in der Inneren Medizin ist keineswegs eindeutig und trägt eher zur Verunsicherung des Arztes bei.
Symptomatische medikamentöse oder diätetische Therapie ist zwar kurzfristig wirksam, langfristig jedoch fast immer ohne nachweisbaren Effekt. Patienten sehen sich durch die Therapieversuche in ihrem organischen Verständnis der Beschwerden bestätigt und werden durch die kurzfristigen Effekte darin bestärkt, immer neue Therapien einzufordern.
Für den Arzt in der Praxis ergeben sich aufgrund dieser Besonderheiten fünf Regeln zum Umgang mit Patienten, die unter somatoformen Störungen leiden.

Dr. Cuntz schlägt vor:

Bereits bei der Anamnese sollten Lebensumstände, emotionale Verfassung und zeitlicher Verlauf der Beschwerden erhoben werden (Beschwerdetagebuch). Mögliche psychophysiologische Ursachen der Beschwerden sollten neben organischen Differentialdiagnosen angesprochen werden, ohne in dieser Phase bereits eine Einstufung der Beschwerden vorzunehmen.
Die Diagnosephase sollte zeitlich begrenzt, für den Patienten vollständig transparent sein und durch eine gemeinsame Diskussion aller Untersuchungsergebnisse abgeschlossen werden.
Der behandelnde Arzt sollte der einzige sein, der sich mit den Symptomen beschäftigt. Um die Patienten langfristig zu binden und gleichzeitig zu verhindern, dass die Patienten bei jeder Symptomverschlechterung irgendeinen Arzt aufsuchen, sollten in festen Abständen Termine vereinbart werden.
Nachdem organische Beschwerden ausgeschlossen worden sind, sollte gemeinsam mit dem Patienten an Alternativmodellen gearbeitet werden. Besonders wirkungsvoll sind solche Erklärungen, die aufgrund des vermittelten Wissens vom Patienten selbst gefunden werden.
Die Patienten neigen dazu, selektiv alle Argumente für eine organische Genese wahrzunehmen. Hier ist für den Arzt stets Vorsicht geboten. Bei symptomatischer medikamentöser Therapie sollte auf eine zeitliche Begrenzung und die genaue Erläuterung des Wirkprinzips geachtet werden.
Eine erfolgreiche Behandlung von Patienten mit somatoformen Störungen setzt großes therapeutisches Fingerspitzengefühl und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Patienten und seinem Therapeuten voraus. Da diese Krankheitsbilder häufig mit Depressionen und sozialem Rückzug verbunden sind, sollten am Ende der Therapie ein Training sozialer Kompetenzen und die Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität stehen.

Für den Umgang von Hausärzten mit Patienten, die unter somatoformen Störungen leiden, ist vor einigen Jahren ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Schulungsprogramm entwickelt worden. Dazu wurde ein Leitfaden mit klaren Regeln erarbeitet, wie das ärztliche Verhalten aussehen sollte (www.uni-marburg.de/fb04/ag-klin/forschung/som_st/projekt04). An 300 Patienten aus 26 hausärztlichen Praxen wurde der Effekt einer solchen Schulung evaluiert. Die Schulung wurde von den Hausärzten mit großer Zufriedenheit aufgenommen. Unsicherheiten bei der Behandlung wurden erheblich vermindert.

Es zeigte sich auch ein deutlicher gesundheitsökonomischer Effekt, da die traditionell erhöhte Inanspruchnahme medizinischer Leistungen durch diese Patientengruppe reduziert werden konnte.

Weiterführende Links:
www.schoenkliniken.de/Kliniken/Med._Psychosomatische_Klinik _Roseneck/PDFs_Behandlungskonzepte/Themenheft_Soma.pdf
http://de.wikipedia.org/wiki/Somatoforme_Störung
www.rz.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/II-na/051-001.htm
www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=41403
www.onmeda.de/krankheiten/somatoforme_stoerung.html
http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/ 0000328601/Pilger_Florian.pdf

Weiterführende Literatur:
Hans Morschitzky: Somatoforme Störungen. Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. Springer, Wien 2000


 

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