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17.07.2010

 

 

 


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Wenn der Arzt zum Patienten wird

 

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Wenn der Arzt zum Patienten wird



Der Beruf des Arztes gehört zu jenen Professionen, die ihren Vertretern das äußerste an psychischem und körperlichem Einsatz abverlangen. Kaum ein Arzt oder eine Ärztin steckt diese Belastungen ohne Weiteres weg.



Viele haben während ihrer Karriere eigene erfolgreiche Strategien entwickelt, die spezifischen Probleme zu meistern, aber zahlreiche andere Kollegen verkraften die psychischen Belastungen und die besonderen Arbeitsbedingungen nur schwer.

Studien zufolge, die Dr. biol. hom. Harald B. Jurkat und Professor Dr. med. Christian Reimer vom Zentrum für Psychosomatische Medizin der Universität Gießen zwischen 1996 und 2001 veröffentlichten, empfinden Ärzte folgende berufsspezifischen Faktoren als besonders belastend: Die hohe Arbeitsstundenzahl (Überziehung der Regelarbeitszeiten), wechselnde Arbeitszeiten, Zeitdruck, wachsendes Ausmaß an Reglementierungen, Verwaltungsaufwand, Auseinandersetzung mit Behörden und Versicherungen, Einschränkung der Selbstständigkeit, Konflikte unter Kollegen, auch durch die zunehmend interdisziplinäre Zusammenarbeit, Zukunftsängste, schlechte berufliche Aussichten (besonders unter jüngeren Ärzten), finanzielle Unsicherheit,überfordernde Ansprüche von Vorgesetzten, schwierige Arzt-Patienten-Beziehungen, ständige Sorge um mögliche falsche Behandlungsstrategien bzw. Kunstfehler (hohe Ideale), das Leid der Patienten, z.B. die emotionale Auseinandersetzung mit Schmerz und Tod zu wenig Zeit für die Familie, für die Kinder und für Privatleben insgesamt. Alkoholabusus und Missbrauch von Medikamenten und Drogen sind keine Seltenheiten unter Ärzten. Verzeichnet wird in der Berufsgruppe zudem eine erhöhte Suizidalität und eine allgemein erhöhte psychische Instabilität. Viele Ärzte sind mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden und davon überzeugt, dass ihr Lebensstil der eigenen Gesundheit schadet. All das signalisiert Handlungsbedarf. Fördernde und unterstützende Maßnahmen sind im Berufsfeld „Arzt“ dringend notwendig und ihr präventiver Gebrauch sollte für jeden Mediziner selbstverständlich werden.

Leider gibt es bis heute kein klares Konzept zur Hilfe und entsprechend noch lange kein strukturiertes und flächendeckendes Angebot. Aber es gibt Vorreiter, wie Dr. biol. hom. Harald B. Jurkat und Prof. Dr. med. Christian Reimer. Seit mehr als zehn Jahren setzen sie sich mit den Ursachen und Folgen der besonderen Belastung im Arztberuf auseinander und haben entsprechende Präventionskonzepte beispielhaft in die Ausbildung der Studenten integriert. Worin besteht die besondere Belastung von Ärzten und Psychotherapeuten, dass diesem Thema heute so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Warum leiden vor allem Ärzte unter dem Burnout-Syndrom?

Die „helfende Persönlichkeit“: Selbstüberforderung ist vorprogrammiert Ein zentraler Schwachpunkt ist die Persönlichkeit „Arzt“ selbst: Menschen, die medizinische Berufe ergreifen, tun dies überwiegend aus Überzeugung, aus dem drängenden Bedürfnis heraus, zu helfen. Eine Haltung, die in der Gesellschaft auf breite Anerkennung stößt. Einfühlungsvermögen, Geduld, Einsatzbereitschaft und Umsicht sind wichtige Qualitäten im Umgang mit Patienten und werden von diesen, wie auch von Partnern, Kollegen und Freunden, als besonders attraktiv erlebt. Der Arzt selbst zählt sie, neben der fachlichen Kompetenz, zu seinen höchsten Idealen und sieht sich aus dieser Position heraus täglich mit den entsprechenden Erwartungen, Wünschen und Hoffnungen seiner Patienten konfrontiert.

Aber was hier zu Beginn in Aussicht gestellt wird, kann kein Mensch ein Leben lang auf hohem Niveau durchhalten. Die natürlichen Folgen sind Selbstüberforderung und Enttäuschung auf beiden Seiten, wenn die Bereitschaft zur Aufopferung nachlässt. Besonders zehrend wirken sich extreme Patiententypen aus: schwierige, symbiotische, aber auch passiv aggressive und demonstrativ leidende Patienten sowie solche, die besonders uneinsichtig und unerreichbar erscheinen. Sie machen es Ärzten und Therapeuten unmöglich, den eigenen Anforderungen zu genügen.

Zu hohe Ideale
Unrealistisch hohe und perfektionistische Ideale, die kaum einen Fehler dulden und damit auch eine persönliche und berufliche Weiterentwicklung erschweren, stehen bei Medizinern im Zusammenhang mit beruflicher Erschöpfung. Der Fokus liegt auf Erwartungen an die Kompetenz, an die Einsatzbereitschaft und an die Patientenbeziehung. Besonders jüngere Ärzte geben der umfassenden Patientenversorgung die höchste Priorität. Bei erfahrenen Kollegen rücken persönliches Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung wieder mehr in den Vordergrund, so die Ergebnisse einer von Jurkat und Reimer 1999 veröffentlichten Untersuchung (Der Allgemeinarzt 11/99). Eine natürliche Selbstschutzreaktion. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass hier nicht, wie oft angenommen, vor allem die weibliche Psyche überfordert ist. Belastungsursachen und -symptome sind in ihrer Konstellation und Häufigkeit nach den Analysen der Gießener Wissenschaftler für Ärztinnen und Ärzte fast identisch.

Belastung am Arbeitsplatz steigt
Die Zeiten, in denen der „Doktor" neben dem Stadtrat und dem Bürgermeister mit höchstem Ansehen im Dorf residierte, sind vorbei. Ärzte sind heute in Kliniken und Gemeinschaftspraxen eingebunden, arbeiten unter Zeit- und Konkurrenzdruck und oft mit Kollegen, zu denen sie menschlich nicht passen. Oft fehlt es an gegenseitigem Respekt oder Patienten spielen Kollegen gegeneinander aus. Und weil Ärzte in Zeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit Patienten oft nur teilversorgen, fehlt es an Rückmeldungen. Die Leistungen werden nicht gewürdigt, weil zum Beispiel ein direktes Feedback vom Patienten durch die räumliche Trennung der Behandlungszentren nicht mehr möglich ist. Erschwerend kommen Hierarchiesysteme sowie extrem lange und variable Arbeitszeiten hinzu. Teams leiden unter inkompetenten und autoritären Vorgesetzten oder es fehlt seitens der Klinikleitung an Unterstützung oder an Freiräumen für die Therapiegestaltung nach persönlichem Ermessen.

Die gesundheitspolitische Entwicklung gibt wenig Hoffnung auf Besserung: Immer weniger Ärzte müssen immer mehr Leistung bringen und die rasante medizinische Entwicklung fordert zunehmend Spezialisierung und Zusammenarbeit. Regelmäßige Fortbildungen sind unerlässlich. Parallel nehmen Reglementierung und Bürokratie zu, schränken den Handlungsradius der Ärzte ein und fordern zunehmend betriebswirtschaftliche Fähigkeiten. Frustration, schlechte Zukunftsperspektiven, finanzielle Unsicherheit, Existenzängste und auch Arbeitslosigkeit sind Belastungen, die Ärzten noch vor 50 Jahren fremd waren. Heute sind sie allgegenwärtig.

Wege aus der Überforderung
Auf das berufliche Umfeld haben die meisten Ärzte wenig Einfluss. Jeder kann aber sein persönliches Verhalten, seine Ideale und Wertvorstellungen reflektieren, den Umgang mit schwierigen Patienten lernen und seinen Alltag bewusst strukturieren. Das „Vorhaben Arzt“ erscheint dann unter einem ganz anderen Blickwinkel und es ergeben sich Möglichkeiten, die persönliche Lebensqualität zu verbessern. Wer dafür einen Katalog mit „Seminaren zur Entlastung im Arztberuf“ erwartet, wird enttäuscht. Universitäten, KVen und Ärztekammern zum Beispiel warten hier mit gähnender Leere auf. Nur die historisch etablierten Balintgruppen werden deutschlandweit spezifisch zur Unterstützung der Arzt-Patienten-Beziehung angeboten.

Es gibt aber eine Reihe allgemein zugänglicher Initiativen, die vom Arzt bzw. von der Ärztin ergriffen werden können. So werden von Psychologen Übungen zur Selbstwahrnehmung empfohlen. Entspannungstechniken sorgen für mehr Gelassenheit und Stressabbau. Persönlichkeitstraining in den unterschiedlichsten Formen schafft Selbstsicherheit, fördert eine klare Kommunikation und eine gesunde Distanz zu den Patienten. Eine klare Strukturierung von Arbeitsabläufen und die Fähigkeit, zu delegieren, hilft gegen das tägliche Überlastungschaos am Arbeitsplatz und auch einfache Übungen zur Psychohygiene können die Welt des Arztes in ein angenehmeres Licht rücken.

Ein „besser" oder „schlechter" gibt es bei all den Angeboten nicht. Jeder muss für sich herausfinden, wo seine beziehungsweise ihre Probleme liegen und was dabei am besten helfen kann. Zu hoffen bleibt, dass die Problematik mehr in das Bewusstsein der Ärzte und der zuständigen Behörden rückt, und dass es bald auch mehr in den Lehrplänen der Universitäten berücksichtigt wird – im Sinne der Ärzteschaft, als auch im Sinne der Patienten.



 

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