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17.07.2010

 

 

 


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Kommunikation und Interaktion in der Arztpraxis

 

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Kommunikation und Interaktion in der Arztpraxis - Vom Hören und Sagen

Erfolg und Misserfolg einer Arztpraxis hängen nicht nur vom fachlichen Können eines Arztes ab. Der persönliche Umgang mit den Patienten und die nach außen strahlende Reputation bestimmen vielmehr einen wesentlichen Teil des ideellen und wirtschaftlichen Erfolges.



Schon im Vorfeld des Kontaktes zwischen Arzt und Patient wird in informellen Netzwerken ein Image des Arztes und seiner Mitarbeiter in der Praxis vermittelt. Urteile von Patienten im Verein mit der Beurteilung durch Kollegen, mit den Einstellungen der kooperierenden Kliniken sowie mit den Kommentaren überweisender Kollegen wecken bereits im Vorfeld des Erstkontaktes eine bestimmte Erwartungshaltung bei den Patienten.



Prof. Hans Peter Rosemeier
Prof. Hans Peter Rosemeier, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Freien Universität Berlin, betonte auf einem Fortbildungsseminar den für eine langfristige Patientenbindung prägenden Charakter des Erstkontaktes. Der Patient registriert meist sehr genau das Umfeld und den Ablauf in der Praxis.

Das fängt bereits an mit dem telefonischen Kontakt und mit der Terminvergabe:

Wie ist der Praxisablauf organisiert?
Geht es „gerecht“ zu oder gibt es Bevorzugungen bestimmter Patienten?
Über die Spielregeln (Zielvereinbarungen, „Rituale für den Erstkontakt“) sollte Klarheit zwischen dem Arzt und seinen Mitarbeitern herrschen.
Instruktionen (organisatorische Anweisungen und medizinische Erklärungen) sollten eindeutig und in verständlicher Form erfolgen.
Ganz wichtig ist die Rolle des „Tresens“, wo die Arzthelferin als öffentliche Praxis-Drehscheibe agiert. Als Praxisassistentin und auch als Praxismanagerin bringt sie ihre Erfahrungen ein, macht Service-Angebote, kann über zusätzliche Wunschleistungen (IgeL) und deren Kosten aufklären (Mitarbeiter: Auswahl und Delegation).

Bei der Kommunikation mit dem Wartezimmer sollte an öffentliches Mithören gedacht werden. Rücksicht sollte genommen werden auf Intimität und Schamgefühle; daher sollten Takt und Datenschutz stets gewahrt werden.

Einheitliche Ausstrahlung des Praxisteams
Das „Unternehmen Arztpraxis“ sollte sich wie ein Industrieunternehmen ein Corporate design zulegen und Corporate communication pflegen, empfiehlt Prof. Rosemeier:

Die Selbstdarstellung der Praxis nach außen für Öffentlichkeit und Patienten sollte ein einheitliches Bild ergeben.
Logos, schriftliche Materialien sowie die gesamte Innenarchitektur der Praxis sollten dem gewählten Corporate design Rechnung tragen.
In diesem Sinne sollten auch alle Mitarbeiter des Praxisteams eine einheitliche professionelle Ausstrahlung haben. Für das Praxisreglement will Prof. Rosemeier – frei nach Kant – ganz bestimmte Gebote gelten lassen:

Du musst in jedem Fall…!
Reglement: verbindlich!
Du sollst…!
Reglement: Ausnahmen von der Regel denkbar!
Du kannst…!
Reglement: Ermessensspielraum vereinbart!
Du darfst auf keinen Fall!
Reglement: Ausschlüsse einhalten!
Nachhilfe für den psychosozialen Umgang mit Patienten
Für die Beziehung zwischen Arzt und Patient sollten nach Rosemeier bestimmte Kriterien gelten:

Empathie:
Abgrenzen von Sympathie und Antipathie
Offenheit:
für emotionale Schwebungen das Ohr leihen
Feedback:
„Spiegeln“, Verbalisierung (auch von Szenen)
Patientenbindung:
Vertrauensbildung, Recall
Kooperation:
Entscheidungsfreiheit des Patienten fördern
Verabschiedung:
Chance für mündliche Kontakte
Weitere kommunikative Schnittpunkte entstehen aufgrund heikler Interaktionen, weil es zu Störungen und Konflikten wegen schwieriger Patienten, aber auch wegen eigener Schwächen gekommen ist. Dabei sollte in angemessener Weise Kritik geübt werden, jedoch auch Kritik in geeigneter Weise entgegen genommen werden. Im Praxisteam muss dem Arzt zwar stets die Führungsrolle zukommen, gegen egalitäre Prinzipien, die den Frieden im Team gewährleisten, sollte jedoch nicht verstoßen werden (Gemeinsam lernen im Praxisteam).

Eine besondere Herausforderung für das Praxisteam stellt der Umgang mit Patienten bei infauster Diagnose dar. Das routinemäßige Aufklärungsgespräch wird in solchen Fällen zum „existenziellen Gespräch“, das besondere psychosoziale Kompetenz erfordert.

Werner Knigge

Werner Knigge
(Foto: Ärzte Zeitung /
Sven Bratulic)
Das Gespräch mit dem Patienten
In diesem Sinne agiert auch Werner Knigge als Unternehmenstrainer und Geschäftsführer von vivendi concept. Dieses Trainingsunternehmen überträgt bestimmte Erfolgsstrategien, die sich in Industrie und Handel bewährt haben, auf die Anforderungen des Gesundheitswesens.

Um ein wirklich gutes Gespräch mit einem Patienten führen zu können, müsse man vor allem mehr über den Gesprächspartner wissen, sagt Kommunikationstrainer Knigge (www.vivendi-concept.de). Er rät daher:

Gehen Sie auf Ihre Patienten ein!
Es ist wichtig, mehr über sein Umfeld zu erfahren, über seine Hobbys, Vorlieben für Sportarten oder Urlaubsgewohnheiten, die unter Umständen für die weitere Behandlung eine Rolle spielen.
Übernehmen Sie im Gespräch den aktiven Part!
Sie selbst bestimmen, wie lange ein Patientengespräch dauert und wann es endet. Vergewissern Sie sich während des Gesprächs, ob der Patient ihrer Argumentation noch folgt und sie auch versteht.
Die KV Westfalen-Lippe gibt in ihrem Online-Dienst (www.kvwl.de/arzt/kv_dienste/) weitere Tipps für das Gespräch mit Patienten:

Sprechen Sie Ihre Patienten immer mit Namen an!
Begrüßen Sie jeden Patienten, der Ihre Praxis betritt! Schauen Sie nicht weg, auch wenn Sie gerade telefonieren oder anderweitig beschäftigt sind!
Die beiden Zauberwörter „bitte“ und „danke“ sollten fester Bestandteil eines jeden Gesprächs sein!
Nehmen Sie Patienten immer ernst! Beantworten Sie auch Routinefragen konzentriert, sorgfältig, ausführlich und zuvorkommend!
Geben Sie jedem Patienten das Gefühl, dass er in Ihrer Praxis willkommen ist.
Halten Sie Augenkontakt während des gesamten Gesprächs! Schenken Sie Patienten Ihre volle Aufmerksamkeit!
Gemeinsam entscheiden für eine Therapie
Die alte Prämisse „Salus aegroti suprema lex“ ist in den letzten Jahren gelegentlich abgewandelt worden in “Voluntas aegroti suprema lex” – sprich: Der Arzt macht das, was der Patient will. Über eine solche Einstellung lässt sich natürlich heftig streiten. Mittlerweile liegt dazu eine Alternative in Form der so genannten partizipativen Entscheidungsfindung (PEF) bzw. Shared Decision Making (SDM) vor.

Ärzte und Patienten gelten dabei als gleichberechtigte Partner. Ein Gespräch auf dieser Basis erfordert allerdings aufgeklärte, selbstbewusste Patienten und geduldige Ärzte, die über ein großes Maß an Kommunikationsfähigkeit verfügen. Der Patient sollte bei einem solchen Vorgehen Schritt für Schritt „entscheidungsfähig“ gemacht werden, indem ihm die notwendigen Informationen vom Arzt vermittelt werden. Erst dann können auf fairer Basis gemeinsame Therapieziele entwickelt und umgesetzt werden.

Folgende Schritte sind nach der PEF-Methode zu befolgen:

Das medizinische Problem ist zu definieren und anhand der vorliegenden Untersuchungsergebnisse zu erläutern.
Dem Patienten sind die unterschiedlichen Behandlungsoptionen und Risiken zu erklären.
Medizinische Fachbegriffe sollten dabei allgemeinverständlich übersetzt werden, damit nicht eine unnötige Sprachbarriere aufgebaut wird.
Erwartungen und Befürchtungen des Patienten sind zu eruieren und müssen ernst genommen werden.
Beide Seiten müssen sich am Ende dieses Prozesses gemeinsam für die gewählte Therapieoption entscheiden. Dem Patienten sollte dazu ausreichend Zeit zum Nachdenken gegeben werden.
Hilfen für die Kommunikation im Team und mit dem Patienten
In den siebziger Jahren wurde in den USA die Methode des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP) entwickelt. Dieses Kommunikationswerkzeug (www.nlp.de) kann hilfreich sein im Umgang mit Patienten, aber auch zur Mitarbeiterführung.

Bei Befolgen der NLP-Gesprächstechnik sollte auf bestimmte Reaktionen des Patienten während des Gesprächs geachtet werden, z.B. auf Atem-Muster, Pupillengröße und Sprachtempo. Beim so genannten Spiegeln passt der Arzt sein Verhalten an das des Gegenübers an und imitiert Körperhaltung, Sprache und Atmung des Patienten. Mit der NLP-Methode soll auch herausgefunden werden, ob die bisher vom Arzt verfolgten Strategien im Umgang mit Patienten tatsächlich erfolgreich sind oder ob bestimmte Defizite bestehen.

Die Kommunikationstrainerin Dr. Stephanie Bohn vom Unternehmen Bohn-Kommunikation in Bergheim (www.mmbohm.de) setzt die NLP-Methode unter anderem ein:

Für den Umgang mit Patienten.
Die Kommunikationstechnik kann sich positiv auf die Interaktion zwischen Arzt und Patient auswirken. Hilfen für den Umgang mit schwierigen Patienten werden in speziellen Seminaren vermittelt. Anamnese-Gespräche bringen mehr Ertrag.
Für die Bedürfnisse des Arztes selbst.
Strategien, wie man besser mit Stress, Frust und Ärger umgehen kann, werden in Seminaren vermittelt und führen zu größerer Zufriedenheit im beruflichen Alltag.
Für das Praxismanagement.
Defizite in der Führung von Mitarbeitern werden aufgearbeitet.
Die Methode ist nicht unumstritten. Therapeutische NLP-Interventionen sollten auf jeden Fall nur von entsprechend ausgebildeten Personen, z. B. von Psychologen, angewendet werden.

Die Körpersprache kann Bände sprechen
Körperhaltung, Gestik und Mimik sollten im ärztlichen Gespräch mit Patienten beachtet werden. Was verbal nicht zur Sprache kommt, kann sich in der Körpersprache ausdrücken. Der Arzt kann hier von dem bekannten Pantomimen Samy Molcho (www.samy-molcho.de) lernen, dessen Motto lautet: „Körpersprache ist wie gesprochene Sprache, aber sie kann nicht lügen.“

Nach Samy Molcho ist vor allem die Haltung der Hände aufschlussreich: Gesten mit ausgestrecktem Zeigefinger wirken dominant, eine nach oben geöffnete Hand signalisiert hingegen Vertrauen und Entgegenkommen. Der Aachener Internist Dr. Wolfram Hüttemann hat von Samy Molcho viel gelernt und daraus eigene Erkenntnisse gewonnen:

Wer beim Händedruck nicht fest zugreift, sondern etwas Luft zwischen seiner Hand und der des anderen lässt, will wenig über sich sagen.
Patienten, die kleine Schritte machen, mögen meist keine Risiken eingehen.
Wer im Gespräch die Schultern hebt, verteidigt sich.
Patienten, die die Hände verschränken, sind oft unsicher.
Dr. Hüttemann hat das Wissen um die Körpersprache mit Erfolg auch an die Mitarbeiterinnen des Praxisteams weitergegeben. Und er setzt die Körpersprache auch selbst aktiv ein, um ein Gespräch zu beenden: „Wenn ich die Arme verschließe, mich zur Seite drehe und ein Bein von links nach rechts überschlage, dann geht von mir das Signal aus: Das Gespräch ist beendet. Das klappt in fast allen Fällen.“

Was sagt ein Lächeln in der Praxis aus?
An die Auswirkung der ärztlichen Körpersprache wird oft nicht gedacht, macht der Berliner Medizinpsychologe Prof. Hans Peter Rosemeier aufmerksam. Schon die Kopfhaltung des Arztes im Gespräch mit dem Patienten werde als bestimmtes Signal verstanden. Für die Glaubwürdigkeit des Lächelns von Arzt und Patient nennt Rosemeier typische Formen, die positiv bzw. negativ aufgenommen werden können:

Echtes Lächeln (stimmig in Mimik eingebettet mit Augenbeteiligung)
Gedämpftes, trauriges oder verächtliches Lächeln (Leid vermittelnd)
„Flirt-Lächeln“ (verstohlener kurzer Blickkontakt)
Relativierendes oder Verlegenheitslächeln (Blick nach unten, Kopf zur Seite, Kontakt meidend)
Fügsames oder „Koordinierungslächeln“ (höflich, konventionell, demonstrativer Konsens)
Falsches Lächeln (asymmetrisch, falsches Timing)
Allein schon die Kopfhaltung, ob geneigt oder senkrecht starr, weckt nach Rosemeier beim Gegenüber ganz bestimmte Gefühle: Eine leicht geneigte Kopfhaltung kann z.B. interpretiert werden als „lieb, weich, passiv, bescheiden, nachgiebig, verträumt, empfindsam, zärtlich, ruhig, ehrlich“. Die gerade, starre Kopfhaltung wirkt hingegen „kalt, distanziert, unbeteiligt, unfreundlich, grob, abweisend, unangenehm, unsympathisch, stolz“.

Die richtige Farbe für jeden Patienten
Für einen adäquaten Umgang mit unterschiedlichen „Idealtypen“ von Patienten

schlägt der Münchener Kommunikationstrainer Werner Knigge die Nutzung des ursprünglich in den USA für Führungskräfte entwickelten DISG-Modells vor. Für die Anwendung des Modells in der ärztlichen Praxis will er vier Patiententypen unterschieden haben: den dominanten, den initiativen, den stetigen und den gewissenhaften Typ. Jedem Patienten-Typ wird eine unterschiedliche Farbe zugeordnet:

Rot für dominante Patienten:
Sie geben auf Fragen klare Antworten, brauchen keine langen Erklärungen und sind meist ungeduldig.
Gelb für initiative Patienten:
Sie sind Neuerungen aufgeschlossen, treffen jedoch ungern Entscheidungen (z.B. bei IgeL-Angeboten); ihnen sollten Entscheidungshilfen angeboten werden.
Grün für stetige Patienten:
Sie legen Wert auf eine vertrauensvolle, entspannte, freundliche Atmosphäre.
Blau für gewissenhafte Patienten:
Sie haben eine Vorliebe für Zahlen, Daten, Fakten und Untersuchungen, sind ergebnisorientiert, legen Wert auf ausführliche Begründung einer Therapie-Empfehlung und auf Nennung von Alternativen.
Mit einer entsprechenden farblichen Markierung auf der Karteikarte kann jeder Patient aufgrund der gemachten Erfahrungen eingeordnet werden. Damit sollten sich auch die Arzthelferinnen im Praxisteam vertraut machen, weil die Kenntnis den Umgang mit verschiedenen Typen von Patienten erleichtert. Auch innerhalb des Praxisteams kann sich die Kenntnis einer solchen Einordnung menschlicher Typen als wertvoll erweisen, z. B. für die Einstellung von Mitarbeitern.

Praxisleitlinien für den Umgang mit Patienten
Theresia Wölker hat Leitlinien für den Umgang mit Patienten formuliert, die im Sinne einer guten Zusammenarbeit und freundlichen Atmosphäre in der Praxis zu beachten sind:

Arzthelferinnen müssen Konflikte entschärfen – egal, wer der Verursacher war. Wunder wirkt bei eigenem Verschulden eine Formulierung wie „Das tut mir leid“ oder „Entschuldigen Sie bitte“.

Patienten sollten sich in der Praxis wohlfühlen. Die Arzthelferin kann durch ihr Verhalten dazu beitragen. Belastet wird die Bilanz zum Beispiel durch Lärm, Gerüche, Hektik, Wartezeiten, kurz angebundenes Personal und Befehlston.

Positiv verbucht werden gute Ablauforganisation, Verständnis, Hilfsangebote, offene Fragestellung und freundliche Mimik.

Praxisteams sollten gemeinsam festlegen, welche Äußerungen in Zukunft tabu sind. Kriterium dafür ist, welche Sätze man selbst nicht hören möchte: „Dafür bin ich nicht zuständig“, „Das kann ich Ihnen nicht sagen“, „Heute auf keinen Fall“, „Der Doktor hat jetzt keine Zeit“ oder „Ich kann Sie nicht verbinden“.

Gute Manieren erleichtern nicht nur die Zusammenarbeit im Praxisteam. Sie sorgen für ein angenehmes Arbeitsklima, aber auch für den Abbau unfreundlicher Affekte im Praxisalltag. Eigene Aggressionen sollten in Teamgesprächen artikuliert oder durch Supervision abgebaut werden.

Weitere wertvolle Hinweise über Optimierung der Praxisorganisation finden sich im Internet, z. B. unter

www.vitamed.de (Unternehmen M + R Praxismarketing),
www.praxismanager.de (Praxisberater Joachim Deuser)
www.fortbildungspunkte-online.de
www.aerzte.marcapo.com
www.kukm.de
www.linus-geisler.de
www.ifabs.de
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