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17.07.2010

 

 

 


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Gendermedizin: Frauen werden anders krank

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Gendermedizin: Frauen werden anders krank

Frauen gehen häufiger zum Arzt, haben später Herzinfarkte und Schlaganfälle, häufiger Depressionen und rheumatische Erkrankungen, leben länger und reagieren anders auf Arzneimittel als Männer. Viele Unterschiede – doch wie wichtig sind sie für die Praxis?



Galt der Herzinfarkt bis weit in die Achtziger Jahre als typisch männliche Erkrankung, so hat sich heute herausgestellt, dass sogar mehr Frauen daran sterben als Männer, allerdings in höherem Lebensalter. Trotzdem kommen Frauen nach Beginn der ersten Symptome eines Herzinfarktes erst zweieinhalb Stunden später in die Klinik als Männer. Und in der Klinik sterben mehr Frauen als Männer an einem Myokardinfarkt. Am häufigsten treffe es jüngere Frauen zwischen 45 und 60 Jahren, erläutert Professor Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek vom “Center for Gender in Medicine and Cardiovascular Research in Women” an der Charité in Berlin. Bei Frauen liegt der Verdacht auf einen Infarkt einfach nicht so nahe (siehe Interview Prof. Dr. med. Regitz-Zagrosek).

Geschlechterunterschiede machen sich oft auch bei der Symptomatik bemerkbar: Während Männer über „typische“ Beschwerden wie Atemnot, Brustschmerzen und Taubheitsgefühl im linken Arm klagen, macht sich ein Herzinfarkt bei Frauen oft mit Übelkeit, Druckgefühl im Oberbauch oder auch mit Rückenschmerzen bemerkbar. Entsprechend vergeht bis zur Diagnose eines Herzinfarktes bei einer Frau oft mehr Zeit als bei einem Mann, weil die Symptome nicht eindeutig sind und die Möglichkeit eines Herzinfarktes nicht in Betracht gezogen wird. Studien haben zudem gezeigt, dass auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen unterschiedlich auf Frauen und Männer mit Herzkreislaufbeschwerden reagieren. „Frauen werden oft auch anders behandelt“, betont Regitz-Zagrosek.

Risikofaktoren wiegen schwerer
Auch wenn die Risikofaktoren für das Entstehen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen identisch sind, so ist die Empfindlichkeit unterschiedlich ausgeprägt. Der weibliche Organismus toleriert in viel geringerem Maße Rauchen, zu viel Cholesterol, Bluthochdruck, Übergewicht oder Typ-2-Diabetes:

Raucherinnen haben ein um 150 Prozent höheres Risiko als Nichtraucherinnen, eine kardiovaskuläre Erkrankung zu entwickeln.

Übergewicht steigert bei beiden Geschlechtern das kardiovaskuläre Risiko. Doch überproportional stark gefährdet sind Frauen mit androgenem Fettverteilungsmuster, bei denen stoffwechselaktives Fett im Bauchraum abgelagert wird.

Geschlechtsspezifische Pharmakokinetik
Gesteuert durch Sexualhormone, unterscheidet sich die Wasser-Muskel-Fett-Verteilung von Männern und Frauen: Frauen haben einen deutlich höheren Fettanteil als Männer, während der männliche Körper mehr Muskelgewebe und mehr Wasser aufweist. Die unterschiedliche Körperzusammensetzung wirkt sich auch auf die Pharmakokinetik von Arzneistoffen aus: Lipophile Arzneistoffe verbleiben bei Frauen länger im Fettgewebe als bei Männern. Da sie erst aus dem Fettgewebe mobilisiert werden müssen, werden sie zeitverzögert abgebaut. Wirkung und Nebenwirkungen halten länger an. Bei hydrophilen Arzneistoffen ist es gerade umgekehrt: der Blutspiegel von wasserlöslichen Substanzen ist bei Männern niedriger als bei Frauen.

Allerdings müssten mehrere Effekte zusammenkommen, bis ein geschlechtsspezifischer Unterschied tatsächlich klinisch relevant werde, betont Frau Professor Dr. med. Petra Thürmann von den Helios Kliniken in Wuppertal. Dies sei beispielsweise bei Diazepam der Fall, das bei Frauen langsamer wirke (siehe Interview Prof. Dr. med. Thürmann).

Unterschiedliche Enzymausstattung
Alkohol wirkt bei Frauen schneller und stärker, denn die abbauenden Enzyme Alkoholdehydrogenase und P-Glykoprotein werden bei Frauen in deutlich geringerem Umfang gebildet als bei Männern. Auch bei einer für den Metabolismus von Arzneistoffen sehr wichtigen Enzymfamilie, den Cytochrom P450 Enzymen, zeigen sich deutliche Unterschiede: In der weiblichen Leber ist CYP3A4 drei- bis viermal so häufig anzutreffen wie im männlichen Pendant. Makrolidantibiotika, Azolantimykotika, aber auch Verapamil, Nifedipin oder Methylprednisolon werden deshalb schneller abgebaut. Der Unterschied kann bis zu dreißig Prozent betragen.

Dagegen verfügen Männer über mehr CYP2D6 als Frauen. Vermutlich wird die Expression des für dieses Enzym verantwortlichen Gens Estrogen-abhängig gesteuert. Dies wirkt sich auf den Blutspiegel von Betablockern wie Metoprolol aus: Bei gleicher Dosierung erreichen Frauen einen um 50 Prozent höheren Blutspiegel als Männer, was sich in einer deutlich stärkeren Blutdrucksenkung niederschlägt. Bei Propranolol beträgt der Unterschied sogar 80 Prozent. Auch der Lipidsenker Simvastatin wirkt bei Frauen stärker und länger als bei Männern.

Eine unterschiedliche Dosierung für Männer und Frauen werde bei der externen Anwendung von Minoxidil gegen Haarausfall bereits berücksichtigt, erläutert Frau Professor Dr. rer. nat. Barbara Sickmüllervom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Für Frauen ist eine 2-prozentige, für Männer eine 5-prozentige Lösung im Handel (siehe Interview Prof. Dr. med. Sickmüller).

Geschlechtsspezifische Pharmakodynamik
Acetylsalicylsäure wird als Thrombozytenaggregations-Hemmer breit in der Primär- und vor allem in der Sekundärprophylaxe eines Herzinfarkts eingesetzt. Doch davon profitieren Männer sehr viel mehr als Frauen, da Testosteron ebenfalls antithrombotisch wirkt. Estrogene begünstigen dagegen eher eine Thrombusbildung, so dass niedrig dosierte Acetylsalicylsäure bei Frauen als kardioprotektive Maßnahme oftmals nicht ausreicht.

Eine neuere Studie aus dem Jahr 2006 belegt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine höhere Thrombozytenaktivierbarkeit aufweisen, die durch Aspirin nicht immer komplett gehemmt werden kann. „Ich finde es erschreckend, dass ASS seit Jahrzehnten in der Primärprophylaxe des Herzinfarktes eingesetzt wird und jetzt stellt sich heraus, dass Frauen nicht in dem erwünschten Maß profitieren“, macht Regitz-Zagrosek deutlich.

Große geschlechtsspezifische Unterschiede wurden auch beim Opiatbedarf gefunden. Eine neuere Studie zeigt, dass die Konzentration am Opiatrezeptor bei den männlichen Patienten um 40 Prozent höher sein musste als bei den Studienteilnehmerinnen, um eine 40- prozentige Schmerzlinderung zu erfahren.

Geschlechtsspezifische Nebenwirkungen
Auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen können zu einem Anstieg des Risikos für Morbidität und Mortalität führen. Dies ist bei Antiarrhythmika der Fall. So kommt es bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern zu einer Kammeranarchie, die als „Torsade de pointes“ sichtbar wird, oder zu einer Verlängerung des QT-Intervalls. Diese gefürchteten Nebenwirkungen sind beispielsweise bei Chinidin, Chloroquin und Erythromycin beschrieben.

Bei der Anwendung von ACE-Hemmern berichten mehr Frauen als Männer über unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Husten oder Hautausschlag. Wertet man die bisher vorliegenden Studien über ACE-Hemmer aus, so scheinen Männer von dieser Substanzklasse insgesamt mehr zu profitieren als Frauen.

Auch bei der Gabe von Digitalis zeigt sich für Männer eine verringerte Mortalität, während mit Placebo behandelte Patientinnen sogar ein niedrigeres Mortalitätsrisiko aufweisen als Frauen, die Digoxin erhalten hatten. Dass mehr Frauen unter der Digitalistherapie starben, liege vermutlich an einem zu hohen Blutspiegel der Fingerhutglykoside, vermutet Regitz-Zagrosek. Manchmal verursachen Arzneimittel einfach deshalb mehr Nebenwirkungen bei Frauen, weil sie für 75 Kilogramm schwere Menschen standardisiert und daher für viele Frauen zu stark sind.

Fehlende Probandinnen in Arzneimittelstudien
Die unterschiedlichen Effekte sowohl in der Pharmakodynamik als auch Pharmakokinetik von Arzneistoffen müssten bei der Erforschung neuer Wirkstoffe und Therapiestrategien berücksichtigt werden, führt Regitz-Zagrosek weiter aus. Bis jetzt ist diese Erkenntnis erst unzureichend umgesetzt: Als Testpersonen in Phase I-Studien kommen in der Regel junge männliche Probanden infrage.

Die Gründe für den weiblichen Ausschluss aus der Arzneimittelprüfung sind vielfältig: In erster Linie ist es das Risiko, dass eine Frau während der Studie schwanger werden könnte. Problematisch sind auch Wechselwirkungen mit oralen Kontrazeptiva.

Doch allmählich zeichnet sich eine Trendwende ab: In Fachinformationen sind jetzt häufiger auch geschlechtsspezifische Angaben enthalten. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) fordert bei Neuzulassungen derartige Angaben sogar ausdrücklich, denn in den vergangenen Jahren haben zahlreiche Studien geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf den Arzneistoffmetabolismus aufgedeckt.

Vorurteile schaden allen
Ein von rollenspezifischem Verhalten geprägter Blick, kann jedoch nicht nur Frauen schaden, sondern auch Männern: Eine Depression wird als Frauenkrankheit angesehen und deshalb bei Männern häufig nicht erkannt. Männer überspielen die Symptome oftmals mit Aggression oder erhöhter Risikobereitschaft, weil das besser ins Rollenbild passt. Auch wenn die Diagnose gestellt ist, erfahren Männer oftmals wenig Unterstützung bei psychischen Erkrankungen. Hier liegt noch viel im Argen. Von einem richtig umgesetzten "Gender-Mainstreaming" in der Medizin mit einem biologisch-psychosozialen Ansatz profitieren letztendlich beide Geschlechter.

Begriffsdefintion: Gendermedizin
Der englische Begriff Gender beschreibt die gesellschaftlich und kulturell geprägten Rollen von Männern und Frauen, die die Aufgabenbereiche und Zuständigkeiten im Alltag bestimmen. Gender-Mainstreaming dagegen ist ein politischer Begriff, der ein auf Gleichstellung ausgerichtetes Denken und Handeln in der täglichen Arbeit beinhaltet. 1999 hat die Bundesregierung Gender-Mainstreaming als Handlungsprinzip eingeführt. Nach Artikel drei des Grundgesetzes soll damit die Chancengleichheit von Männern und Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen verwirklicht werden. Gendermedizinist eine noch junge Wissenschaft, die Forschung, Diagnose- und Therapie unter geschlechtsspezifischen Aspekten betrachtet. Inzwischen hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Frauen tatsächlich bei vielen Erkrankungen anders krank werden als Männer und dass gerade in der Medizin neue Behandlungsansätze notwendig sind.


 

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